top of page

ETAPPE 1: Weltenwechsel

Der Tastsinn: Von São Torpes nach Porto Covo. 10,2 km – 2,4 Stunden

Es gibt einen Ort zwischen Leben und Nicht-Leben.

Einen Ort, an dem das Herz noch schlägt, aber nichts mehr fühlt.

An dem die Augen noch sehen, aber nichts mehr erkennen.

An dem die Füße noch gehen, aber nirgendwo mehr ankommen.

Cinza kannte diesen Ort.

Cinza WAR dieser Ort.

Bis der Weg rief.

Nicht mit Worten. Ein Weg spricht nicht in Worten.

Es war ein Ziehen gewesen. Tief im Bauch. Dort, wo die alten Dinge wohnen, die älter sind als Sprache.

Die Füße gingen. Der Kopf fragte nicht, wohin.

Und dann, Wochen später – dem Ruf des Bauches folgend, ein Pfad. Sand unter den Sohlen. Wind im Gesicht.

Druckgrafik von Gerald Klein Portugal Rota Vicentina Buch Cinza und der Fischweg

Menschen kamen entgegen.

Einer lächelte. Nicht für Cinza. Nicht für jemanden. Einfach so.

Eine Frau summte. Vor sich hin. Ohne Grund.

Ein alter Mann blieb stehen, schloss die Augen, hob das Gesicht zur Sonne – als hätte er alle Zeit der Welt.

Sie hatten nichts zu beweisen. Niemandem. Nicht einmal sich selbst.

Cinza kannte das nicht. Kannte das nicht mehr.

Wann hatte Cinza zuletzt so gelächelt? Ohne Grund? Wann hatte sie zuletzt gesummt?

Etwas brannte. Hinter den Augen. Tief.

Grüne und blaue Zeichen auf Holz und Stein. Stumme Wegweiser. Eine Sprache ohne Worte.

Das Meer atmete dazu.

Hier, flüsterte etwas. Nicht der Wind. Nicht die Wellen. Etwas Älteres. Hier beginnt es.

-

Cinza schloss die Augen. Und fiel.

Fiel durch Grau. Durch Stille. Durch Jahre.

Bis der Sand Cinza auffing.

Der erste Sonnenstrahl durchbrach den Nebel am Strand von São Torpes, als Cinza die Augen öffnete. Cinza lag im Sand – oder war Cinza aus Sand? Cinza konnte den Unterschied nicht spüren.

Die Hand hob sich. Langsam. Als gehörte sie jemand anderem. Die Finger schlossen sich – aber um was? Um Luft? Um Sand? Cinza wusste es nicht. Die Hand wusste es nicht.

Der Körper fühlte sich an wie eine Erinnerung an etwas, das einmal real gewesen war, aber längst verblasst. Grau war der Sand. Grau das Meer. Grau der Himmel. Und grau war Cinza selbst, eine Gestalt aus Nebel und Vergessen, weder fest noch flüchtig, irgendwo dazwischen.

In der rechten Hand – oder war es die linke? Cinza wusste es nicht mehr – lag eine gläserne Flasche. Klein, durchsichtig, leer. Ihre Öffnung war versiegelt mit einem Korken. Er atmete noch. Die Flasche war das Einzige, was Farbe hatte in dieser grauen Welt. Sie schimmerte wie ein Wassertropfen in der Morgensonne.

„Wofür ist die?“, flüsterte Cinza in die Stille hinein.

Nur das Meer antwortete – ein endloses Rauschen, das Cinza nicht wirklich hören konnte. Es war, als läge Watte zwischen der Welt und Cinzas Ohren. Zwischen der Welt und Cinzas Haut. Zwischen der Welt und Cinzas Herz. Ich bin taub. Taub für alles.

Wann hatte es angefangen?

Es war wie mit dem Winter, der kommt. Nicht an einem Tag. Flocke für Flocke. Bis eines Morgens alles weiß ist und man nicht mehr weiß, wann der Herbst gegangen ist.

So war es gewesen. Tag für Tag war etwas dünner geworden. Leiser. Blasser.

Ein Bild stieg auf.

Aufstehen. Duschen. Anziehen. Machen.

Jeden Tag. Dieselben Schritte. Dieselben Wände.

Eines Morgens blieb Cinza stehen. Mitten im Flur.

Wofür?

Die Frage stand im Raum. Laut. Fremd.

Cinza wartete auf eine Antwort.

Keine kam.

Die Luft, die einmal wie Wasser floss, wurde dick wie Honig. Die Brust, die einmal weit war wie der Himmel, wurde eng wie eine Faust. Und irgendwann – wann? – hatte Cinza aufgehört zu atmen. Nicht ganz. Aber fast. Nur noch flach. Nur noch oben. Wie ein Vogel, der vergessen hat, dass er fliegen kann.

Da kam der Gedanke – leise, kaum spürbar, wie aus weiter Ferne: Atme.

Cinza versuchte zu atmen. Aber wie? Die Brust wollte sich nicht heben. Die Luft wollte nicht hinein. Es war, als hätte Cinza vergessen, was Atmen überhaupt war. Als lägen Steine darauf. Viele Steine. Jahre voller Steine.

Und dann –

Ein Bild stieg auf. Von ganz unten. Aus einer Zeit, die Cinza vergessen hatte.

-

Ein Kind im Schnee.

Weiß. Überall weiß. Und still. So still, wie nur Schnee still sein kann.

Das Kind lag auf dem Rücken. Über ihm – Licht. Ein goldenes Flimmern durch die Decke aus Schnee. So nah. Eine Handbreit vielleicht. Aber der Körper konnte sich nicht bewegen. Der Schnee hielt ihn fest. Wie eine Faust. Wie tausend Fäuste.

Das Herz des Kindes raste wie das eines Vogels im Käfig.

Und dann –

Eine Stimme. Sie kam von innen. Oder von überall. Sie klang wie der Großvater, wenn er abends am Feuer saß. Still jetzt. Ganz still.

Das Kind wurde still.

Dein Atem ist warm. Wärmer als der Schnee. Atme. Ganz klein. Kaum mehr als ein Hauchen.

Das Kind atmete. Ein winziger Atemzug.

Der warme Atem stieg hoch. Legte sich auf den Schnee. Und der Schnee – er weinte. Tropfen für Tropfen.

So ist es gut. Der Atem öffnet den Weg.

Das Kind atmete. Und wartete. Atmete. Und wartete.

Irgendwann – war es eine Stunde? Waren es drei? – kam ein Riss in die weiße Decke. Und durch den Riss kam Licht. Und durch das Licht kam Luft.

Ein tiefer Atemzug.

Er schmeckte nach Himmel. Nach Leben. Nach: Ich bin noch da.

Und später – viel später – kam der Großvater über das Schneefeld gestapft. Er hatte gesucht. So lange gesucht. Und dann hatte er etwas gehört. Ein kleines Geräusch. Rhythmisch. Zart.

Atem.

Der Atem des Kindes hatte gerufen. Und der Großvater hatte gehört.

-

Cinza öffnete die Augen.

Sand. Kein Schnee. Wärme. Keine Kälte.

Aber die Steine auf der Brust – sie waren noch da.

Atme, kam der Gedanke wieder, beharrlicher diesmal. Durch die Nase. Langsam. Nur ein kleiner Atemzug. Weniger, als du denkst. Viel weniger.

Cinza schloss die Augen und versuchte es. Ein winziger Atemzug durch die Nase. Kleiner, als Cinza es für möglich gehalten hätte – kaum mehr als ein Hauch. Die Luft strömte hinein – kühl, salzig, lebendig. Dann hielt Cinza den Atem an. Drei Herzschläge lang. Dann aus, wieder durch die Nase, langsam wie ein Flüstern. Wieder hinein. Halten. Hinaus.

Die Steine wurden leichter. Sie waren nicht weg. Aber leichter.

Die Welt begann sich zu bewegen. Ganz langsam, als würde sie aus einem tiefen Schlaf erwachen.

Und dann – spürte Cinza etwas.

Nicht die Hand, die greift. Etwas anderes, etwas Größeres.

Der Wind. Er kam vom Meer, als hätte jemand ihn geschickt. Er strich über Cinzas Wange. Sanft. Wie die Hand einer Mutter, die prüft, ob das Kind noch warm ist.

Die Sonne. Sie legte sich auf die Stirn. Nicht heiß. Nur da. Wie ein Versprechen.

Der Sand. Er schmiegte sich an den Rücken. Trug. Hielt. Wie jemand, der sagt: Ich lass dich nicht fallen.

Die Welt berührte Cinza.

Noch bevor Cinza die Welt berührte.

Etwas wurde weich. Irgendwo hinter den Augen.

Die Welt ist noch da. Sie hat mich nicht vergessen. Sie berührt mich noch immer. Ich hatte nur aufgehört, es zu spüren.

Cinza erhob sich. Die Beine fühlten sich fremd an, als gehörten sie jemand anderem. Drei Schritte – und Cinza stolperte. Der Sand gab nach, bot keinen Widerstand. Cinza fiel.

Und zum ersten Mal seit ... seit wann eigentlich? ... spürte Cinza etwas.

Die Hände lagen im Sand. Warm. Körnig. Nachgiebig. Jedes einzelne Sandkorn drückte sich in die Handflächen, und plötzlich war da ein Gefühl – ein schwaches, zartes Gefühl von Berührung. Cinza hob die Hand und ließ den Sand durch die Finger rinnen. Langsam. Körnchen für Körnchen. Es war, als wäre die Welt zum ersten Mal wirklich da.

Berührt werden. Berühren. Beides.

-

„Du bist wach“, sagte eine Stimme.

Cinza fuhr herum. Auf einem Felsen, keine zehn Meter entfernt, saß ein kleines Mädchen. Sie trug ein Kleid, das aussah wie gewebtes Licht – mal blau wie das Meer, mal grün wie Tang, mal silbern wie Gischt, je nachdem wie die Sonne darauf fiel. Ihre Füße waren nackt und schaukelten über den Rand des Felsens. In der Hand hielt sie eine Muschel, die sie betrachtete, als wäre sie das Kostbarste auf der Welt.

„Wer bist du?“, fragte Cinza.

„Sina“, sagte das Mädchen, ohne von der Muschel aufzusehen. „Und du bist Cinza.“

„Woher weißt du ...?“

„Ich weiß vieles“, sagte Sina. Sie legte die Muschel behutsam auf den Felsen und sprang herunter. Als sie landete, machte sie kein Geräusch, als wäre sie aus Luft. „Zum Beispiel weiß ich, dass du Tränen sammelst.“

„Tränen?“ Cinza hielt die gläserne Flasche hoch. „Sie ist leer.“

„Noch“, sagte Sina. Sie kam näher, barfuß über den Sand, und ihre Schritte hinterließen keine Spuren. Ihre Augen waren dunkel und tief wie das Meer bei Nacht. „Aber du wirst sie füllen. Träne für Träne. Zwölf wirst du sammeln. Die dreizehnte – wartet in dir.“

„Womit? Und warum zwölf?“

Sina lächelte – ein Lächeln, das Jahrhunderte alt zu sein schien. „Mit dem, was du verloren hast. Mit dem, was die Welt verloren hat.“ Sie deutete mit dem Kopf auf eine große Holztafel am Strand. Darauf stand in Portugiesisch und Englisch: „Rota Vicentina – Trilho dos Pescadores – Fischerweg“. Darunter eine Karte mit blauen und grünen Markierungen. „Der Weg wartet. Er ist lang – mehr als zweihundert Kilometer bis nach Lagos. Dreizehn Etappen. Auf jeder wirst du eine Träne finden.“

„Aber ... Tränen? Warum Tränen?“

Sina trat ganz nah heran. So nah, dass Cinza ihre Augen sehen konnte – diese tiefen, dunklen Augen, in denen sich das ganze Meer spiegelte. „Weil Tränen heilig sind“, flüsterte sie. „Weil Tränen der Beweis sind, dass du lebst. Dass du fühlst. Dass du wirklich da bist.“ Sie legte ihre Hand auf Cinzas Wange – eine zarte, warme Berührung. „Wer nicht mehr weinen kann, ist nicht mehr lebendig. Du warst grau, Cinza. Grau wie Asche. Aber jetzt wirst du wieder fühlen. Und wenn du fühlst, wirst du weinen. Und deine Tränen werden dich heilen und wieder lebendig machen.“

„Aber wohin führt der Weg?“

„Nach Lagos. Ans Ende der Welt.“ Sina sah Cinza direkt an. „Oder zum Anfang.

„Anfang wovon?“

„Das wirst du sehen“, sagte Sina. „Oder besser: Das wirst du spüren. Heute lernst du, die Welt zu berühren. Morgen wirst du lernen, das Gleichgewicht zu halten. Jeden Tag wirst du etwas Neues entdecken. Schritt für Schritt. Sinn für Sinn. Träne für Träne.“ Sie hob die Muschel vom Felsen auf und drückte sie Cinza in die Hand. „Fühl sie. Wirklich fühlen.“

Die Muschel war rau und glatt zugleich – außen gerippt wie ein Gebirge, innen schimmernd wie Perlmutt. Kühl vom Morgentau. Schwer, als trüge sie das Gewicht des ganzen Meeres in sich.

„Der Tastsinn“, flüsterte Sina, „ist der älteste Sinn. Er war vor den Augen da. Vor den Ohren. Vor allem.“ Sie berührte Cinzas Wange – eine zarte, warme Berührung. „Wer nicht berührt, ist Nebel. Wer berührt – wird wirklich.“

Dann war sie weg. Einfach so. Als hätte der Wind sie fortgetragen. Cinza stand allein am Strand. Die Muschel in der einen Hand, die Flasche in der anderen. Den Atem – klein und leise – in der Brust. „Geh“, hatte Sina gesagt. Also ging Cinza los.

weitergehen ?
bottom of page